Detaildaten zu Beinträchtigungen: Vogelarten

Alpenstrandläufer - Calidris alpina

Natura 2000-Code: A 149; Bearbeitungstand: III

Wirkfaktorengruppe: 6 Stoffliche Einwirkungen
Wirkfaktor: 6-8 Endokrin wirkende Stoffe
Relevanz des Wirkfaktors:  (i. d. R.) nicht relevant (0)

     Auswertekategorien:

  1. Empfindlichkeiten/Wirkungen (4)
  2. Regenerationsfähigkeit (0)
  3. Prognosemethoden (0)
  4. Relevanzschwelle (0)
  5. Erheblichkeitsschwelle (0)

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1. Empfindlichkeiten/Wirkungen

1.01 BearbeiterInnen FFH-VP-Info (siehe Impressum) (o. J.)

Endokrin wirkende organische Verbindungen in der Nahrung von Vögeln können u. U. direkt toxisch wirken, i. d. R. treten bei Vögeln jedoch latente und akute Belastungen von Hormonsystem, Organen und Stoffwechsel auf. Es werden hormonähnliche Wirkungen, Blockierungen der Hormonwirkungen und indirekte Steuerungsfunktionen unterschieden. Östrogenähnliche Wirkungen stellen sich z. B. als Verweiblichung von männlichen Individuen dar. Bereits Anfang der 1970er Jahre wurde in den USA bei Heringsmöwen eine auffällige Geschlechterverschiebung u. a. auf organische Umweltschadstoffe zurückgeführt (Clotfelter et al. 2004). Empfindlichkeiten gegenüber endokrin wirkenden Umweltschadstoffen wie z. B. PCB sind v. a. für Seeschwalben nachgewiesen (Becker et al. 1992, 1993, Becker 1994, Denker et al. 1994, Leisewitz 1996:50ff.).

Endokrine Wirkungen wurden für zahlreiche weitere Chlororganika festgestellt, die, angereichert über Räuber-Beute-Beziehungen, zu schwerwiegenden Störungen des Verhaltens sowie Schädigungen des Organismus von Vögeln bis hin zu Missbildungen ihrer Embryonen führen können (Disser et al. 1992, Becker 2003, Denker et al. 2003, Muñoz Cifuentes 2004). Direkte Störungen der Hormonausschüttung sind auch für eine zunächst wenig beachtete, aber global in Sedimenten und Böden angereicherte Stoffgruppe von Per- und polyfluorierten Alkylverbindungen (PFAS) nachgewiesen (Sebastiano et al. 2021). Zu den im Fettgewebe von Vögeln akkumulierten hormonaktiven Stoffen gehören seit vielen Jahren gesetzlich verbotene Organochlor-Pestizide wie z. B. DDT, HCB oder Lindan. Auch für das Biozid TBT, dem einzigen bisher bekannten Stoff mit androgenem (vermännlichendem) Effekt, konnten endokrine Wirkungen nachgewiesen werden. Mikroplastik wirkt komplex in Wechselwirkung mit anderen Schadstoffen und endokrin v. a. durch seine Zusätze und Monomere. Weitere Empfindlichkeiten gegenüber diesen Stoffgruppen werden unter den Wirkfaktoren 6-2 (organische Verbindungen) und 8-3 (Pestizide) beschrieben.

Konsequenzen der Belastung durch endokrin wirkende Stoffe können - abhängig vom Umfang - z. B. Verringerung des Bruterfolgs bzw. der Überlebenswahrscheinlichkeit von Individuen, Brutpaarverlust, Bestandsrückgang oder Beeinträchtigung bzw. Erlöschen lokaler (Teil-) Populationen sein.

Weiterführende Literatur und eine Auflistung von Stoffen mit hormoneller Wirkung bietet u. a. das Bayerische Landesamt für Umwelt unter folgender Internetadresse an:

https://www.lfu.bayern.de/analytik_stoffe/umweltueberwachung/bio_analytik/hormonelle_wirkungen/index.htm

Qualifizierung der Quelle: E



1.02 BearbeiterInnen FFH-VP-Info (siehe Impressum) (o. J.)

Beeinträchtigungen durch Arzneimittel:

Die Wirkungsforschung von Arzneimittelspuren in den stofflichen Beziehungen der Nahrungskreisläufe von Wildtieren steckt noch in den Anfängen. Methoden zur Umweltrisikoeinschätzung werden gerade erst erarbeitet. Hormonelle Wirkungen im Niedrigdosisbereich auf Fische oder Amphibien als Nahrungstiere von Vögeln sind z. B. für das Schwangerschaftsverhütungsmittel Ethinylestradiol nachgewiesen (Neue Zürcher Zeitung, 25. Mai 2005, Tamschick et al. 2016).

Humanarzneimittelrückstände gelangen über Abflüsse von Kläranlagen (Fendt 2007:258) oder die Ausbringung von Klärschlamm in die Wasser- und Landökosysteme und können sich damit in der Nahrungskette bis zu den Vögeln als Endkonsumenten anreichern.

Der Eintrag von Tierarzneimitteln in landwirtschaftlich genutzte Böden erfolgt insbesondere über Flüssigdünger wie z. B. Gülle und Dung.

Das Potenzial hoher Empfindlichkeit von Endkonsumenten zeigt das massive Geiersterben auf dem indischen Subkontinent nach Aufnahme von mit dem Schmerz- und Entzündungshemmer Diclofenac verunreinigten Kadavern (s. Chancelor & Meyburg 2003, Bezzel 2005).

Weiterführende Literatur zu den Auswirkungen von Pharmazeutika in der Umwelt findet sich z. B. bei Kümmerer (2004), Bean et al. (2017), Richard et al. (2021).

Qualifizierung der Quelle: E



1.03 BearbeiterInnen FFH-VP-Info (siehe Impressum) (o. J.)

Beeinträchtigungen durch Mikroplastik:

Verschmutzungen durch Mikroplastikpartikel und dessen Wechselwirkungen mit Schadstoffen und Organismen stellen heute aufgrund ihrer Omnipräsenz, Persistenz und dem toxischen Potenzial ihrer Zusätze und Monomere eine tiefgreifende Kontamination v. a. der marinen Umwelt dar. Mikroplastikeinträge in Flüsse und Meere sind überwiegend auf terrestrische Quellen (z. B. Reifenabrieb) zurückzuführen. Reifenabrieb ist die Hauptquelle für Mikroplastik in der Umwelt. Er setzt sich aus verschiedenen gesundheitsschädlichen Stoffen mit z. T. endokriner Wirkung zusammen (Schütte & Sextro 2020). Mikroplastik aus Reifenabrieb gehört bspw. in der Ostsee zu den Hauptbelastungsquellen (Essel et al. 2015). Eine weitere Hauptquelle für Mikroplastikbelastungen sind Thermoplaste wie z. B. in PET-Flaschen. Ihre Akkumulation erfolgt in den Nahrungsketten über marine Nahrungstiere und benthische Organismen bis zu den Endkonsumenten wie z.B. Seevögeln.

In marinen Systemen tritt Mikroplastik in kugelförmigen Partikeln im Sediment und als freischwimmende Fasern auf. Hauptsächlich letztere werden von Fischen und Muscheln aufgenommen. Bei einer Untersuchung an der Weser und im Niedersächsischen Wattenmeer fanden sich die höchsten Anzahlen von Granulat/10 g Sediment entlang der Hochwasserlinie (Dubaish 2019). Parallel zur Wasserlinie bilden sich Spülsäume aus, die der Nahrungsbeschaffung von Vögeln dienen, insbesondere im Winter. Spülsäume entlang der Hochwasserlinie sind eine spezielle Nahrungsquelle für verschiedene Küstenvögel wie z. B. Austernfischer, Sanderling oder andere Strandläufer, aber auch häufig an Stränden rastenden Singvögeln wie Schneeammer, Ohrenlerche und Berghänfling (Kruse & Scheiffahrt 2019).

Besondere Gefährdungen ergeben sich für Seevögel v.a. im Bereich von Meeresbuchten. Seit 1960 wurden für etwa 78 % aller Seevogelarten Kontaminationen mit Mikroplastik nachgewiesen. Seevögel sind zugleich Ausbreitungsvektoren für diese Schadstoffgruppe und deren Konglomerate mit dem Effekt der Konzentration von Belastungen im näheren Umfeld ihrer Kolonien (Wang et al. 2021). Aufgrund der Langlebigkeit vieler Seevogelarten wird das Problem der Bioakkumulation von Mikroplastik noch verschärft.

Akkumulation von Mikroplastik lässt sich auch in terrestrischen Systemen nachweisen. Besonders gefährdet sind hier Greifvögel insbesondere durch die Aufnahme von Abfall und Aas (Carlin 2019, Wang et al. 2021).

Weiterführende z.T. zusammenfassende Literatur zu Anreicherungsfaktoren und ökotoxikologischen Effekten bieten z. B. Dubaish (2019), Masiá et al. (2019), Menéndez-Pedriza & Jaumot (2020), Wang et al. (2021).

Qualifizierung der Quelle: E



1.04 BearbeiterInnen FFH-VP-Info (siehe Impressum) (o. J.)

Hinweise auf eine Relevanz dieses Wirkfaktors im Hinblick auf die Beurteilung von erheblichen projektbedingten Beeinträchtigungen liegen für die Art nach dem derzeitigen Bearbeitungsstand nicht vor.

Qualifizierung der Quelle: E



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Reports: aktueller Wirkfaktor   aktuelle Wirkfaktorengruppe   alle Wirkfaktoren
 

Qualifizierung der Quellen für Vogelarten

Averallgemeinerbarer, in der Literatur dokumentierter Nachweis für diese spezielle Art
Bin der Literatur dokumentierter Nachweis für diese spezielle Art, aber möglicherweise Ausnahmefall
Cin der Literatur dokumentierter Nachweis für verwandte Arten bzw. andere Arten dieser Artengruppe, der als übertragbar eingestuft wird
Din der Literatur dokumentierter Hinweis für diese spezielle Art oder verwandte Arten bzw. andere Arten dieser Artengruppe
Eeigene Einschätzung oder Aussage Dritter, ohne in der Literatur dokumentierten Nachweis/Hinweis (Experteneinschätzung)
Fkeine Literatur verfügbar / Auswertung bzw. Einschätzung mit aktuellem Bearbeitungsstand noch nicht erfolgt

Legende: Bearbeitungsstand zum Bereich "Beeinträchtigungen"

-bislang noch nicht bearbeitet
Iderzeit nur Einschätzungen zur Relevanz der Wirkfaktoren vorhanden
IIzudem Detaildaten zur Auswertekategorie "1. Empfindlichkeiten/Wirkungen" vorhanden
IIIzudem Detaildaten zu den weiteren Auswertekategorien "2. bis 5." vorhanden
ihre meinung

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dirk.bernotat@bfn.de