Detaildaten zu Beinträchtigungen: Vogelarten

Blauracke - Coracias garrulus

Natura 2000-Code: A 231; Bearbeitungstand: III

Wirkfaktorengruppe: 9 Sonstiges
Wirkfaktor: 9-1 Sonstiges
Relevanz des Wirkfaktors:  (i. d. R.) nicht relevant (0)

     Auswertekategorien:

  1. Empfindlichkeiten/Wirkungen (5)
  2. Regenerationsfähigkeit (0)
  3. Prognosemethoden (0)
  4. Relevanzschwelle (0)
  5. Erheblichkeitsschwelle (0)

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1. Empfindlichkeiten/Wirkungen

1.01 BearbeiterInnen FFH-VP-Info (siehe Impressum) (o. J.)

Unter diesem Gliederungspunkt werden Empfindlichkeiten zusammengefasst, die sich i.d.R. nicht unmittelbar spezifischen Projekttypen oder Wirkfaktoren zuordnen lassen, die aber im Hinblick auf die Beurteilung von erheblichen projektbedingten Beeinträchtigungen anderer Wirkfaktoren relevant sein und initial, verstärkend oder modifizierend wirken können.

Die nachfolgenden Datensätze sind im derzeitigen Bearbeitungsstand nach den Themenfeldern A: Folgewirkungen des neuzeitlichen Klimawandels, B: Müllexposition und sonstige Empfindlichkeiten sortiert.

Qualifizierung der Quelle: E



1.02 BearbeiterInnen FFH-VP-Info (siehe Impressum) (o. J.)

A: Folgewirkungen des neuzeitlichen Klimawandels

Der neuzeitliche Klimawandel hat unmittelbare Auswirkungen auf Lebensräume und das artspezifische Verhalten von Vögeln (Huntley et al. 2008, Trautmann et al. 2010). Aufgrund besonderer Betroffenheiten lassen sich klimasensitive Lebensräume und Arten unterscheiden und als Indikatorensysteme beobachten (z. B. Biodiversitätsmonitoring des LANUV in Nordrhein-Westfalen). Die komplexen, i. d. R. kumulierenden Folgewirkungen des Klimawandels sind im Rahmen der FFH-VP erst im Zusammenhang mit anderen, direkt projektbezogenen Wirkfaktoren relevant. Abweichungen von bekannten Reaktionsmustern ergeben sich immer dann, wenn besondere Empfindlichkeiten erst in Kombination mit diesen Folgewirkungen entstehen oder bestehende Empfindlichkeiten verstärkt werden. Demzufolge können sich im jeweiligen Kontext auch relevante oder erhebliche Beeinträchtigungen schon in geringeren Belastungssituationen als bei isolierter Betrachtung des Faktors einstellen. Folgewirkungen erhöhter Klimasensitivität sind ggf. bei der Prognose der Verträglichkeit von Projekteinwirkungen auf maßgebliche Bestandteile von Natura 2000-Gebieten zu berücksichtigen. In folgenden Wirkungsprozessen sind besondere Empfindlichkeiten von Vogelarten nachgewiesen und ggf. im Projektzusammenhang prüfungsrelevant:

So können sich Empfindlichkeiten gegenüber Folgen des Klimawandels aufgrund einer verringerten Resilienz vorrangig in nutzungsabhängigen oder anthropogen stark vorbelasteten Lebensräumen entwickeln. Negative Wirkungsgefüge stellen sich z. B. für bodenbrütende Arten in Agrarlandschaften ein, wenn sich durch klimatisch begünstigte Nutzungsintensivierungen (z. B.häufigere und frühere Mahd; Wf 2-3) direkte Veränderungen der Vegetations- und Habitatstruktur (Wf 2-1) ergeben (s. Schuster 2014). Weiterhin können sich indirekte Effekte manifestieren, indem Empfindlichkeiten in diesem Lebensraum infolge von Klimaveränderungen z. B. gegenüber Prädation erhöht sind (Wf 8-2). Als weitere mittelbare Folge des Klimawandels für diese Gilde kann sich die Degradierung der Torfe von landwirtschaftlich genutzten Moorböden (Wf 3-1) verschärfen. Infolge höherer Bodentemperaturen und besserer Durchlüftung des Oberbodens bei sinkenden Grundwasserständen wird u. U. die Nutzbarkeit als Brut- oder Nahrungshabitat zeitlich und räumlich eingeschränkt. Demgemäß wirken sich mechanische Bearbeitungen und Entwässerungen von Moorböden heute stärker beeinträchtigend auf die Habitatfunktion z. B. für Bodenbrüter aus.

In aquatischen Ökosystemen können sich bei veränderten klimatischen Verhältnissen Empfindlichkeiten gegenüber stofflichen Belastungen (v. a. Wf 6-2 und 6-8) entwickeln oder verstärken. So konnte beispielsweise in Untersuchungen mit einer östrogenartig wirkenden Substanz (Bisphenol A) nachgewiesen werden, dass die Sensitivität von aquatischen Wirbellosen gegenüber diesem Stoff von der Temperatur abhängt. Dieses Wirkungsgefüge kann sich über Qualität und Verfügbarkeit von Nahrungsressourcen in den unterschiedlichen trophischen Ebenen der Nahrungsnetze einer Vogelgemeinschaft fortsetzen. Eine projektbedingte, zusätzliche Temperaturerhöhung wäre damit schon auf einem niedrigeren Niveau relevant (Oehlmann et al. 2010) und bei einer Gefährdungs- und Risikoanalyse im Hinblick auf eine Erheblichkeit zu bewerten. Pauschalisierungen solcher Effekte bei anderen stofflichen Belastungen sind jedoch nicht zulässig, da z. B. für Biozide (Wf 6-2) nach dem derzeitigen Kenntnisstand bisher keine ähnlichen Effekte nachgewiesen worden sind.

Weitere Projekthintergründe des Zusammenwirkens mit Folgen des Klimawandels können sich bei wasserwirtschaftlichen Vorhaben, Gewässerausbau und Küstenschutz über Veränderungen der hydrologischen und hydrochemischen Verhältnisse ergeben (Wf 3-3 und 3-4). Auf dynamische Verhältnisse spezialisierte Arten sind aufgrund der ohnehin defizitären Situation dieser Lebensräume an den durch den Meeresspiegelanstieg bedrängten Küsten und in morphologisch stark veränderten Gewässern bereits hoch empfindlich (s. Einleitungsstandard zum Wf 3-3). Weitere scheinbar geringfügige Veränderungen dieser Systeme infolge von Küstenschutz und Ausbaumaßnahmen können unter dem Einfluss des Klimawandels zu gravierenden Verschlechterungen führen, die u. U. den vollständigen Lebensraumverlust für spezialisierte Arten und deren Populationen auslösen.

In Gewässern treffen die Folgewirkungen des Klimawandels auf weitere anthropogene (z. B. stoffliche Belastungen) und natürliche Stressoren (z. B. Konkurrenzeffekte, Prädation), die sich in ihren Auswirkungen verstärken können und potenziell die Funktion aquatischer Ökosysteme einschränken, insbesondere für wärmesensitive Arten (Oetken et al. 2009, Oehlmann et al. 2010) und damit möglicherweise auch für Vogelarten als Endkonsumenten.

Der Klimawandel hat nicht zuletzt bedeutenden Einfluss auf die Förderung und Ausbreitung gebietsfremder Arten (Wf 8-2). Besonders problematisch sind invasive Arten als wichtige Ursache für den Verlust biologischer Vielfalt. Auch hier sind indirekte Effekte durch interspezifische Nahrungskonkurrenz oder höhere Prädation möglich. Insofern ist der Klimawandel bei jeder projektbedingten Veränderung als mögliche Verschärfung der Situation in eine Gefährdungsanalyse einzubeziehen.

Eine erhöhte Klimasensitivität kann im Zusammenwirken mit projektbedingten Einflüssen - abhängig von Intensität und Wirkungsgefüge - direkt oder indirekt für Verlust von Teilhabitaten, Verringerung des Bruterfolgs bzw. der Überlebenswahrscheinlichkeit von Individuen, Brutpaarverlust oder die Verstärkung von Gefährdungs- und Aussterbeeffekten verantwortlich sein. Weitere Folgewirkungen sind z. B. Entkoppelung von Fortpflanzungs- und Nahrungsbeziehungen, Desynchronisation von Artengemeinschaften und räumliche Verlagerungen von Zugrouten.

Darüber hinaus sind z. B. folgende Quellen relevant:
Peintinger et al. (2004), Meinig (2010), Pautasso (2012), Krüger et al. (2014), Bollmann & Braunisch (2016), Jessel (2020), Verein Jordsand (2020).

Qualifizierung der Quelle: E



1.03 BearbeiterInnen FFH-VP-Info (siehe Impressum) (o. J.)

B: Müllexposition und sonstige Empfindlichkeiten

Die weite Verbreitung großer Abfallmengen und deren permanente Exposition stellen eine latente und immer weiter zunehmende Gefährdung von Vögeln in zahlreichen Lebensräumen dar. Viele Vogelarten nutzen Essensreste im Abfall als regelmäßige Nahrungsressource. Dazu gehören z. B. Möwen- und Rabenvögel, aber auch Großvögel wie Milane oder Störche. Weit verbreiteter Zivilisationsabfall wie Schnüre, Fäden und Netze werden bei der Nahrungsaufnahme oder der Suche nach Nestmaterial aufgenommen und eingetragen. Darin können sich die Vögel verfangen und ihre Mobilität und Nahrungsaufnahme wird werden behindert (Schybli 2021).

Eine besondere Gefährdung stellen Industrieabfälle aus weichen Kunststoffen wie Folien, Teile von Luftballons, Gummibänder und Schaumstoffe für Seevögel dar. Ihre Aufnahme bei der Nahrungssuche hat heute einen hohen Anteil an der Mortalität dieser Vögel (Roman et al. 2018). Seevögel, v. a. die Gruppe der Röhrennasen (Procellariiformes), sind durch Plastikmüll in den Weltmeeren besonders gefährdet. Bei der Nahrungssuche folgen diese Meeresvögel vorrangig dem Geruchssinn. Verschiedene Kunststoffe wie HDPE, LDPE oder PP nehmen bei längerer Exposition offshore den Geruch von Dimethylsulfid (DMS) an, ein Signal für vermeintlich natürliche Nahrungsproduktion. Diese Geruchsfalle täuscht bei Konsumenten wie den Meeresvögeln ein großes Nahrungsangebot vor und setzt sie so den spezifischen Gefährdungen bei der Aufnahme dieses Materials aus (Savoca et al. 2016).

Qualifizierung der Quelle: E



1.04 Kiss, O., Catry, I., Avilés, J. M., Bari?ic, S., Kuzmenko, T., Cheshmedzhiev, S., Marques, A. T., Meschini, A., Schwartz, T., Tokody, B. & Végvári, Z. (2020)

Die Autor*innen gehen davon aus, dass sich aufgrund des Klimawandels das Verbreitungsgebiet der Blauracke zukünftig in Richtung nördlicher Breiten verschieben wird. Während die Klimatauglichkeit in nördlichen Ländern, in denen die Populationen aktuell abnehmen bzw. bereits lokal erloschen sind, zunehmen wird, wird für derzeit geeignete Areale bis 2050 bzw. 2070 ein Rückgang um 35 % bzw. 38 % vorhergesagt. Von den negativen Änderungen sind insbesondere große Populationen wie in Rumänien, Spanien, Bulgarien und Ungarn betroffen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die zu erwartenden Klimaänderungen die Auswirkungen bereits bestehender Beeinträchtigungen für die Mehrheit der großen Blaurackenpopulationen in Europa wahrscheinlich noch verstärken werden.

Qualifizierung der Quelle: A



1.05 Shupova, T. & Tytar, V. (2021)

Von 1980 bis 2021 verkleinerte sich das Verbreitungsgebiet der Blauracke in der Ukraine von 85 % auf 46 %, wobei die Art hauptsächlich im Nordwesten des Landes verschwand und aktuell überwiegend im Südosten vorkommt. Als wichtigste Faktoren für den Arealverlust stellten sich Veränderungen in der Vegetation bzw. der Landnutzung sowie klimatische Unterschiede heraus. So zeichneten sich die von der Art aufgegebenen Gebiete durch einen signifikanten Rückgang an niederwüchsiger Vegetation, eine starke Zunahme der Baumdeckung sowie eine höhere durchschnittliche Maximaltemperatur zur Brutzeit im Vergleich zu den derzeit besiedelten Gebieten aus. Nach Ansicht der Autor*innen ist die Arealverkleinerung letztlich auf den Klimawandel zurückzuführen, der für Veränderungen von Lebensraum und Landnutzung verantwortlich sein dürfte.

Qualifizierung der Quelle: A



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Reports: aktueller Wirkfaktor   aktuelle Wirkfaktorengruppe   alle Wirkfaktoren
 

Qualifizierung der Quellen für Vogelarten

Averallgemeinerbarer, in der Literatur dokumentierter Nachweis für diese spezielle Art
Bin der Literatur dokumentierter Nachweis für diese spezielle Art, aber möglicherweise Ausnahmefall
Cin der Literatur dokumentierter Nachweis für verwandte Arten bzw. andere Arten dieser Artengruppe, der als übertragbar eingestuft wird
Din der Literatur dokumentierter Hinweis für diese spezielle Art oder verwandte Arten bzw. andere Arten dieser Artengruppe
Eeigene Einschätzung oder Aussage Dritter, ohne in der Literatur dokumentierten Nachweis/Hinweis (Experteneinschätzung)
Fkeine Literatur verfügbar / Auswertung bzw. Einschätzung mit aktuellem Bearbeitungsstand noch nicht erfolgt

Legende: Bearbeitungsstand zum Bereich "Beeinträchtigungen"

-bislang noch nicht bearbeitet
Iderzeit nur Einschätzungen zur Relevanz der Wirkfaktoren vorhanden
IIzudem Detaildaten zur Auswertekategorie "1. Empfindlichkeiten/Wirkungen" vorhanden
IIIzudem Detaildaten zu den weiteren Auswertekategorien "2. bis 5." vorhanden
ihre meinung

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dirk.bernotat@bfn.de