Auswahl: Wirkfaktoren


Wirkfaktorengruppe

Definition - Wirkfaktoren

5 Nichtstoffliche Einwirkungen >> 5-3 Licht

Unterschiedlichste - i. d. R. technische - Lichtquellen, die Störungen von Tieren und deren Verhaltensweisen und/oder Habitatnutzung auslösen können (Irritation, Schreckreaktionen, Meidung). Umfasst sind auch Beeinträchtigungen durch Anlockwirkungen (z. B. Anflug von Insekten an Lampen oder von Zugvögeln an Leuchttürmen), die letztendlich auch eine Verletzung oder Tötung der Tiere (durch Kollision) zur Folge haben können (vgl. hierzu auch Wirkfaktor 4-2).

Vertiefende Ausführungen - Wirkfaktoren

5 Nichtstoffliche Einwirkungen >> 5-3 Licht

Die nachfolgenden Ausführungen beziehen sich im Wesentlichen auf die Beiträge in BÖTTCHER (2001), HELD et al. (2013) oder SCHROER et al. (2019); Ausführliche Informationen zur Rechtslage finden sich z. B. bei HUGGINS & SCHLACKE (2019). Auf diese Arbeiten sowie die Datensätze bei den entsprechenden Arten sei auch für weitergehende Informationen verwiesen.

Nächtliche Beleuchtungseinrichtungen - stationär oder mobil - haben in den vergangenen Jahrzehnten enorm zugenommen und der Begriff der "Lichtverschmutzung" wurde geprägt. In besonderem Maße sind spezifische Tiergruppen der Fauna von Lichtauswirkungen betroffen, insbesondere nachtaktive Arten der Insektenfauna, in einigen Fällen auch Vertreter weiterer Gruppen wie der Fledermäuse oder Vögel.

Bei der Insektenfauna spielt der Anlockeffekt die größte Rolle, wobei dieser in der Regel bei Lichtquellen mit starker Strahlung im blauen und ultravioletten Spektralbereich am stärksten ist. Warm-Weiße LEDs gelten derzeit als insektenfreundlichste Wahl (EISENBEIS 2013:54). Neben dem Lichtspektrum wird die Anlockwirkung u. a. durch die Helligkeit, den Abstrahlwinkel und die Leuchtpunkthöhe bestimmt. Auch der Kontrast zur Umgebung und ggf. angestrahlte Flächen können Einfluss auf die Stärke des Insektenanflugs haben.

Die in neuerer Zeit ermittelten Zahlen bezüglich einer Anflugdistanz, aus der Individuen attrahiert werden (hier: Nachtfalter), liegen zwischen wenigen Metern und 100-200 m Entfernung; MIETH & KOLLIGS (1996) nennen aus Versuchen eine maximale Anlockweite von 130 m. Eine abschließende Beurteilung ist diesbezüglich auf Basis der bisherigen Daten aber nicht möglich.

Lichtanflug von Insekten ist weder qualitativ noch quantitativ zu vernachlässigen, wie die in diversen Publikationen (auch den Beiträgen der o. g. Bände) dargestellten Zahlen zeigen. Stark betroffen sind u. a. die Artengruppen der Zweiflügler (Diptera), bestimmter Käferfamilien (Coleoptera), nachtaktiven Schmetterlinge (Lepidoptera) und einiger Insektengruppen mit aquatischen Larven (z. B. Köcherfliegen, Trichoptera).

Problematisch ist aber nicht der Anflug an sich, sondern die damit verbundenen Beeinträchtigung der betreffenden Arten. Häufige Folgen des Angelocktwerdens sind u. a. hoher und wenig sinnvoller Energieverbrauch, Verhinderung notwendiger Aktivitäten wie Paarung und Eiablage, Notablage von Eiern in ungeeigneten Habitaten sowie umfangreiche Individuenverluste. Bei letzteren spielen Anprall an Lampengehäuse oder Verletzungen bzw. Abtötung durch Hitzeeinwirkung eine vermutlich eher untergeordnete Rolle, bedeutsamer dürften die Verluste durch Absterben im ungeeigneten Habitat sowie durch Prädatoren im Umfeld der Lampen sein (s. SCHMIEDEL 2001: 29). Der genannte Autor stuft Falterarten mit individuenarmen oder isolierten Populationen, geringen Populationsschwankungen, wenig mobilen und kurzlebigen Imagines, relativ geringer Eizahl pro Weibchen, starker Anlockwirkung der Lichtquellen und hohen Weibchenanteil im Anflug als besonders empfindlich ein.

Grundsätzlich ist bei entsprechenden Arten wie z. B. dem Hecken-Wollafter (Eriogaster catax, s. Datenbank) von einem Risiko auszugehen, wenn Beleuchtungsanlagen in ihren Habitaten oder im näheren Umfeld platziert werden sollen.

Auch bei bestimmten Lebensraumtypen kann eine Verschlechterung des Erhaltungszustandes durch deutliche Reduzierung oder Ausfall charakteristischer Arten zu erwarten sein. In diesem Zusammenhang sei auf die neueren Arbeiten von SCHEIBE (2001, 2003) verwiesen, der die Auswirkungen von Straßenbeleuchtung auf aquatische Insekten an einem Fließgewässer im Taunus quantifizierte. Zitate aus der Arbeit: "Durchschnittlich wurden in den Sommermonaten in einer Nacht so viele Insekten von dem Licht einer Straßenleuchte [...] angelockt, wie dies einem Schlupf an 22 m Uferlänge in 24 Stunden entsprach. An warmen Sommerabenden konnten diese Ergebnisse um ein Vielfaches übertroffen werden. (...) Nach den durchgeführten Tests ist davon auszugehen, dass das Aufstellen von Straßenbeleuchtungen in Gewässernähe zu einer katastrophalen Artenverschiebung zu Ungunsten lichtempfindlicher Arten und damit zu einer Artenverarmung führen kann."

Obwohl SCHEIBE (2003) darauf verweist, dass im speziellen Fall der Benachbarung zu aquatischen Ökosystemen die Verwendung ansonsten empfohlener Natriumdampflampen keinen hinreichenden Minderungseffekt bietet, ist davon auszugehen, dass in vielen Fällen wesentliche Vermeidungs- und Minderungsmaßnahmen durch Lampenart, Konstruktion und Platzierung ergriffen werden können.

Im konkreten Vorhaben sind innerhalb oder im Nahbereich von Natura 2000-Gebieten geplante Beleuchtungseinrichtungen v. a. nach Lichtqualität, Leistung und Lichtpunkthöhe sowie weiteren technischen Merkmalen zu definieren. Wesentlich ist auch die Berücksichtigung der tages- und jahreszeitlichen Leuchtdauer (Bezug ggf. zu Flugperioden empfindlicher Arten). Als Einflussbereich mit mittlerem bis hohem Anlockungspotenzial sollte in jedem Fall ein Radius von 100 bis 200 m berücksichtigt werden. RASSMUS et al. (2003: 133 ff.) gehen davon aus, dass Anlockeffekte bis zu einer Beleuchtungsstärke von 4 x 10-7 lx reichen (mit der Anmerkung, größere Anteile von Insektenpopulationen würden allerdings erst bei stärkerer Beleuchtungsstärke angelockt). Diese Autoren sehen indes nur ein hohes Risiko für Anlockeffekte von Quecksilberdampf-Hochdrucklampen, "wie sie für Straßenbeleuchtungen eingesetzt werden, bis in eine Entfernung von etwa 100 m".

Wie bereits angesprochen, sind Auswirkungen von Licht auch auf weitere Artengruppen möglich. So werden einige Fledermausarten teils in erheblichem Umfang an Lichtquellen im Siedlungsbereich angelockt (z. B. BLAKE et al. 1994, DIETZ et al. 2007), da hier eine besonders gute Beuteverfügbarkeit besteht; als potenzieller Gefährdungsfaktor werden hier höhere Individuenverluste z. B. durch Fahrzeuge gesehen. Andere Arten gelten als lichtempfindlich, so dass künstliche Beleuchtung insbesondere in räumlicher Nähe zu Quartieren oder Flugrouten beeinträchtigend wirken kann (vgl. z. B. HAENSEL & RACKOW 1996:39, LIMPENS et al. 2005:14, REITER & ZAHN 2006, BIEDERMANN et al. 2007:16f., BRINKMANN et al. 2012 oder LEWANZIK & VOIGT 2013).

Auch auf Fische (vgl. z. B. BRÜNING & HÖLKER 2013) und Amphibien (vgl. z. B. Kammmolch, s. Datenbank) sind Auswirkungen von künstlichen Lichtquellen belegt.

Eine besondere Rolle können Lichtquellen auch im Hinblick auf die Vogelfauna spielen, z. B. durch Anlockung oder Auslösung einer Stillhaltereaktion bei plötzlichem Lichteinfall (z. B. Ziegenmelker, s. Datenbank), in besonderem Maße aber auch durch Blendung nachts ziehender Vogelarten. Letzteres führt an beleuchteten Bauwerken teils zu sehr hohen Individuenverlusten (z. B. MÜLLER 1981). Vor allem direkt in den Himmel gerichtete sowie stark gebündelte Lichtstrahlen sind hier mit hohen Risiken verbunden, während diffuse Lichtquellen an Gebäuden nur eine geringe anziehende Wirkung auf Vögel auszuüben scheinen (vgl. z. B. auch BRUDERER et al. 1999, HERRMANN et al. 2006, BALLASUS et al. 2009, HAUPT 2009/2011b, HAUPT & SCHILLEMEIT 2011 oder SCHMID et al. 2012).

Unter Berücksichtigung von Vorbelastungen durch ggf. bereits vorhandene Lichtquellen ist eine Überlagerung relevanter Lebensräume, Aktionsräume oder Wanderrouten empfindlicher Arten mit den Flächen oder Strukturen (Bauwerken) hohen bis mittleren Anlockungspotenzials vorzunehmen und die Schwere möglicher Beeinträchtigungen abzuschätzen. Fachkonventionen zur prozentualen Minderung der Lebensraumqualität spezifischer Arten oder Lebensraumtypen (wie etwa beim Wirkfaktor Lärm) sind nach derzeitigem Kenntnisstand nicht verfügbar (vgl. aber z. B. TRAUTNER 2009: 34ff.).
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