Auswahl: Wirkfaktoren


Wirkfaktorengruppe

Definition - Wirkfaktoren

7 Strahlung >> 7-1 Nichtionisierende Strahlung / Elektromagnetische Felder

Nichtionisierende Strahlung bzw. elektromagnetische Felder, die von entsprechend wirksamen Anlagen ausgehen und v. a. bei Tieren ggf. unnatürliche Reize hervorrufen, ihr Verhalten beeinflussen oder sie direkt schädigen können.

Vertiefende Ausführungen - Wirkfaktoren

7 Strahlung >> 7-1 Nichtionisierende Strahlung / Elektromagnetische Felder

Der Kenntnis- und Forschungsstand erlaubt zu diesem Wirkfaktor derzeit kaum eine Beurteilung im Rahmen der FFH-VP von Projekten oder Plänen; Schwellen- oder Orientierungswerte konnten nicht ermittelt werden.
Im Endbericht von KÖPPEL et al. (2003a:118) kommen die Autoren im Hinblick auf mögliche Auswirkungen elektromagnetischer Felder von Seekabeln auf die marine Fischfauna abschließend zu folgender Einschätzung: "Insgesamt ist eine mögliche Schädigung bzw. Beeinträchtigung der Gesundheit oder Fortpflanzungsfähigkeit von Fischen durch Seekabel [Anm.: diese Aussage ist auf die im Rahmen der Windparks beabsichtigten Kabel mit entsprechenden Parametern bezogen] bisher nicht nachgewiesen".

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) geht in zwei Veröffentlichungen zu Umweltauswirkungen der Kabelanbindung von Offshore-Windparks davon aus, dass "der geschilderte, vielfach allerdings noch lückenhafte wissenschaftliche Kenntnisstand den Schluss zulässt, dass direkte gesundheitliche bzw. physiologisch schädliche Effekte der im Meer verlegten elektrischen Leitungen auf Meereslebewesen aufgrund der magnetischen und induzierten elektrischen Felder nicht zu erwarten sind. Einige Arten können aber elektrische Felder wahrnehmen oder sich nach magnetischen Feldern orientieren. Bei diesen sind Verhaltensänderungen möglich" (BfS 2005:10 und BfS 2013:12).

Laut BfS (2013:6) sind "gravierende schädliche Einflüsse, wie zum Beispiel genetische Schäden, Gewebeschäden etc., auf Meereslebewesen durch die magnetischen und induzierten elektrischen Felder, die von den im Meer verlegten elektrischen Leitungen ausgehen, nicht zu erwarten".
Gleichwohl sind Auswirkungen auf Fische sowohl im marinen Bereich wie in Süßgewässern belegt bzw. zu erwarten, wobei diese - von der Stärke des elektrischen Feldes und Stroms abhängig - artspezifisch unterschiedlich betroffen sein können. In besonderem Maße ist eine Beeinträchtigung für Arten möglich, die hochsensible Elektrorezeptoren zu Orientierung und/oder Beutefang aufweisen. Bei KÖPPEL et al. (2003a) werden in diesem Zusammenhang mit Bezug auf DEBUS (1998) sowie MERCK & VON NORDHEIM (2000) u. a. Haie und Rochen genannt. Auch das BfS (2013:7) führt aus, dass Knorpelfische (Haie und Rochen) am sensitivsten reagieren.

Aber auch bei Arten ohne solche spezialisierten Elektrorezeptoren werden Reaktionen beobachtet. In BfS (2013:7ff.) werden in diesem Rahmen u. a. Hinweise zu Wahrnehmungsschwellen und Verhaltensreaktionen von europäischen Flussaalen, Neunaugen, Nordseelachsen und Knochenfischen gegeben. KÖPPEL et al. (2003a:115) führen beispielhaft für das Verhalten von Arten ohne spezialisierte Elektrorezeptoren aus: "Bei der Migration von Stören wurde beobachtet, dass diese am Laichaufstieg behindert wurden, weil eine hochvoltaige Überlandleitung den Fluss überspannte. Erst nach einer gewissen Zeit überschwammen die Tiere besagte Stelle. Sie suchten sich zur Überquerung, abweichend von ihrer ursprünglichen Route, Bereiche mit der geringsten elektromagnetischen Wirkung aus (DEBUS 1998:174).

"Über Weichtiere und Krebse ist wenig bekannt, einige Weichtiere (Mollusca) und Krebse (Crustacea) können Magnetfelder wahrnehmen und sich danach orientieren" (BfS 2013:9).

Um die Auswirkungen auch unter Berücksichtigung des "aktuellen in vieler Hinsicht allerdings unzureichenden Kenntnisstands" gering zu halten, sollten für Offshore-Kabel aus Vorsorgegründen "deswegen die von den Kabeln emittierten magnetischen und induzierten elektrischen Felder so niedrig wie technisch möglich gehalten werden" (BfS 2013: 12f.). Empfehlungen zur besten Umweltpraxis bei Bau und Betrieb von Kabeln finden sich in BfS (2013: 12f.) und OSPAR (2012: Kap. 5.3.2). "Die Verlegung der Kabel in einer genügenden Tiefe ist in jedem Fall zu empfehlen. Das Sediment hat aber keine abschirmende Wirkung - lediglich der größere Abstand zum Meeresgrund führt zu einer Reduzierung der elektrischen und magnetischen Felder" (BfS 2013: 12f., OSPAR 2012: Kap. 5.3.2).

Das BfS empfiehlt "für Gleichstromkabel den Betrag der magnetischen Flussdichte an der Sedimentoberfläche unter dem des Erdmagnetfeldes (45 µT) zu halten" (BfS 2013: 13). "Über den Einfluss von Wechselfeldern kann aufgrund der unzureichenden Datenlage kein Schätzwert angegeben werden, dessen Einhaltung empfohlen werden kann. Die meisten Tierarten reagieren eher auf statische Felder als auf Wechselfelder. Deswegen wird angenommen, dass die elektrischen und magnetischen Felder der Drehstromkabel, die dem heutigen Stand der Technik entsprechen, keinen Einfluss auf Lebewesen haben" (BfS 2013: 13).

Einige Laboruntersuchungen liegen bezüglich elektromagnetischer Felder und Impulse für Säugetiere (Ratten) sowie Bienen vor.

Hinsichtlich der Artengruppe der Vögel zeigen die bisherigen Untersuchungen divergierende Ergebnisse. Während Beobachtungen und Freilanduntersuchungen bis Ende der 1990er Jahre aus Deutschland offenbar keine Hinweise auf relevante Auswirkungen wie erhöhte Sterblichkeit bei Jungvögeln, Missbildungen oder Zahl und Größe der Eier unter Stromtrassen ergaben und demzufolge von SCHUMACHER (2002) als nur von geringer Relevanz bewertet wurden, wurden in den USA und Spanien teils andere Ergebnisse gewonnen. So zeigten FERNIE & BIRD (1999) erhöhte Körpergewichte bei Männchen einer amerikanischen Falkenart (Falco sparverius) im Einflussbereich elektromagnetischer Felder während der Fortpflanzungszeit auf. DOHERTY & GRUBB (1997) konnten an einer höhlenbrütenden Art (Iridoprocne bicolor) einen signifikant geringeren Fortpflanzungserfolg (Gelegegröße und Jungvögel) unter Stromtrassen gegenüber Referenzflächen nachweisen. Aus den Untersuchungen von TOMAS et al. (2003) ergaben sich zwar Hinweise auf einen gesteigerten Reproduktionsaufwand für Elternvögel im Einflussbereich schwacher elektromagnetischer Felder, jedoch keine Konsequenzen für den Fortpflanzungserfolg. BEASOND & SEMM (2002) untersuchten im Labor Auswirkungen gepulster Strahlung - ähnlich des Systems für Mobiltelephone - auf die neuronale Aktivität im Vogelgehirn und konnten hier Veränderungen feststellen. Untersuchungen von ENGELS et al. (2014) kommen zu dem Ergebnis, dass elektromagnetische Strahlung bei in Gefangenschaft gehaltenen Rotkehlchen dazu führen kann, dass ihr u. a. am Erdmagnetfeld ausgerichtetes Orientierungssystem negativ beeinflusst werden kann. Es bleibt aber fraglich, ob es im Hinblick auf die Orientierung im natürlichen Umfeld oder beim Vogelzug tatsächlich zu relevanten Wirkungen bei Individuen kommen könnte.

Die benannten Arbeiten und Ergebnisse legen nahe, dass relevante Wirkungen elektromagnetischer Felder bzw. nichtionisierender Strahlung bestehen. Eine Einschätzung kann bislang jedoch nur im Einzelfall und vor dem Hintergrund eines großen Kenntnisdefizites vorgenommen werden.
ihre meinung

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